Ysbryd / Nebelgrund / Helsang – Im Tode vereint

Ysbryd/Nebelgrund/Helsang - Im Tode vereint

Mit Winterwolf Tonschmiede wurde von den Mitgliedern der drei Black-Metal-Underground-Bands Ysbryd, Nebelgrund und Helsang aus den zerschlagenen Resten von Winterwolf Records ein neu aufgestelltes und gestärktes Label geschmiedet, um die eigenen Veröffentlichungen (aber nicht nur) in einem angemessenen Rahmen präsentieren zu können. Der Auswurf mit der Nummer 01 ist eine starke Split-Auskopplung (wo ich doch letztens schon beim Thema Split war) von den drei genannten Gründungsbands, die „Im Tode vereint“ als Titel trägt. Der von einem Foto eines noch offenen Massengrabs visualisierte Terminus möchte zudem bestimmt auch das besonders starke Band des Zusammenhalts im Black Metal, ganz gewiss aber in diesem hier konkret aufgestellten Fall unterstreichen. Mal sehen, ob diese im Leben geschmiedete Allianz auch wirklich bis zum Tode halten wird. Vieles wird ja bekanntlich schon viel früher, und sehr oft von Mammon zerschlagen. Doch bei diesen felsenfest überzeugten Underground-Bands hab ich solche Bedenken nicht. Doch genug gefachsimpelt. Auf zur Musik, um die es hier geht.

Der Band Ysbryd, welche vom Einzelkämpfer Gestalt ins Feld geführt wird und die in der vierten Waldhalla-Print-Ausgabe mit ihrem Debütalbum „Kraft“ bereits sehr kraftvoll bei uns aufschlug, gebührt die Ehre, die Vereinigung des Todes zu eröffnen. „Vom Bettler und vom Krieger“ widmet sich der allgemein bekannten und wahrhaftigen These, die da besagt, dass vor dem Tod alle gleich sind. Für den täglich Hunger leidenden, armen Bettler mag der Tod ein willkommener Freund sein, für einen erfolgreichen, vor Stärke nur so strotzenden, die Hände nach oben ausstreckenden und mitten im Leben stehenden Krieger dagegen ein ganz und gar nicht gern gesehener Wegbegleiter. Doch holen kommt er jeden von uns – wenn die Zeit reif ist. Dieser erste Song, der sich auch bestens auf unsere Zeit ummünzen lässt, kommt gerade und direkt, wie aus der Hüfte geschossen. Im Grunde windet und arbeitet er sich recht konstant und kompromisslos in einem fast gleichmäßigen Tempo noch vorne, doch über dieses klassische Geflecht wurden auch viele feine Klänge gespannt, ähnlich dem Fangnetz einer kleinen, jedoch sehr giftigen und todbringenden Spinne. Und spätestens wenn „Ein Leben im Angesicht der Gezeiten“, das zweite Ysbryd-Lied, einsetzt, welches sich dem natürlichen Kreislauf der Erneuerung widmet, ist man in diesem Netz dermaßen stark eingewickelt, dass ein Entkommen unmöglich ist. Aber das möchte man hier auch gar nicht, denn die betäubende Wirkung des Giftes ist sowas von glückselig machend. Die hell singenden Gitarrentöne gehören zweifelsohne zum Besten, was man sich im Bereich des Atmosphärischen vorstellen kann. Gewaltig, mächtig, kraftvoll, erhaben und mit absolutem Hochgefühl veredelt, kracht dieses von vielen Tempi-Wechsel durchzogene Stück über die Gehörgänge in das Epi(k)zentrum des Gehirns und verwüstet dort alle bis dato abgespeicherten Konventionen. Gestalt erfindet mit diesem Song die Atmosphäre nicht neu, doch er formt sie zu einem würdevollen, auf einem höheren (oder auch tieferen, je nachdem, welche Seite der Medaille man bevorzugt) Level liegenden Hörerlebnis! Meisterleistung! Von so einem Leckerbissen bekommt man natürlich Appetit auf mehr, und das sich in Arbeit befindende Mehr von einem zweiten Full-Length kann bei so einer Referenz eigentlich nur machtvoll ausfallen. Vormerken!

Als nächstes kommt Nebelgeist mit seinem ebenfalls einzelgängerischen Projekt Nebelgrund zum Zuge. Immer noch leicht von seiner letzten, die Atmosphären von Berggipfeln ankratzenden Scheibe „Wahn im Nebel“ benebelt, hab ich erhofft, hier ähnlich aufgebahrte Gitarrenüberwürfe vorzufinden, bin aber voll gegen die Wand gerannt, muss ich hier ehrlicherweise gestehen. Es ist aber kein Wunder bei dem vielen Nebel! Passend zur gewählten Thematik und den beiden Titeln „Weg in die Schatten (Der Tod)“ und „Weg in die Schatten (Anderswelt)“ ist die Musik dieses Mal sehr asketisch, rau und irgendwie auch entrückt ausgeartet, wird man hier feststellen müssen. Mit repetitiver sowie stark hallender Gitarre im ersten der beiden Songs, die einem stürmischen Frostwind nachempfunden zu sein scheint, dessen machtvolle Kraft die letzte noch verbliebene Restwärme aus dem bereits zuckenden Körper herauszupeitschen droht, kommt der Sensenmann mit metallisch klirrenden und furchteinflößenden Schritten auf die Lebensbühne (jedes einzelnen Individuums), zum allerletzten Akt. Dann gehen die Lichter für immer aus, der kalte Tod umfängt und erlischt das Leben… Das gesamte Soundgebilde mag in der Tat recht sperrig wirken, ist aber keineswegs schlechter als das bisherige Schaffenswerk. Nebelgrunds Beitrag ist diesmal halt ein wenig anders, was vehement auffällt, weil dieser hier eben scharf mit dem zuvor dargebotenen atmosphärischen Rauschmittel von Ysbryd kontrastiert. Die mittig platzierten Songs bilden einen Graben, eine Art bodenlosen Schlund, den es erst zu überqueren gilt, um in die lichtlose, von tiefsten Schatten regierte Anderswelt zu gelangen. Und der „Weg in die Schatten (Anderswelt)“ klingt noch etwas verstörter, hahaha… Gerade das zweite Lied weiß mir mit der weitläufig anhaltenden Eintönigkeit sehr zu gefallen, denn mit diesem einfachen Stilmittel wird das leblose Abenteuer des Todes vortrefflich auf der Tonleiter getroffen. Zum Erzittern und Angst haben!

Ist der Graben überwunden, nimmt uns die dreiköpfige Truppe Helsang ohne Umschweife auf einen Erkundungsmarsch in die Finsternis der Anderswelt. Es ist das erste Lebenszeichen dieser Formation, bei der auch Gestalt am Schlagzeug zugegen ist. Der bei „Der Weg zur Hel“ aufgefahrene Sound wirkt nicht mehr dermaßen frostig und kalt wie bei den schwebenden, einem quasi den Boden unter den Füßen raubenden Todesliedern von Nebelgrund, strahlt dafür aber eine um einiges schwärzere, sich mehr und mehr verdichtende Dunkelheit aus. Sowohl Gitarre wie auch das Schlagzeug gehen hier gleichberechtigt und taktgenau wie ein Schweizer Uhrwerk nebeneinander her. Das geschieht in einem konstant gehaltenen Mid-Tempo-Rhythmus, bei dem die leicht doomig angereicherten Anschläge der Gitarre wie eine sich ewig drehende Mühle agieren, die unermüdlich die permanent anrollenden Schädel der Verstorbenen unter einem schweren Mühlstein zerschmettert. Ja, das ist die perfekte bildliche Umschreibung der Musik, die erst nach etwa sechs Minuten Spielzeit einen so nicht zu erwartenden Break erfährt, um anschließend weiter in einem nur leicht abgeänderten, scheinbar immerwährender Turnus weiter zu mahlen. Trotz der nur marginal wahrnehmbaren, wohl aber so gewollten Variabilität, wird der Song nicht langweilig, und die relativ lange Dauer vergeht wie im Fluge. Auch „Unterwelt“, mit neun Minuten das längste Stück der Split-Scheibe, ist gleichsam spannend aufgebaut. Habt ihr Würmer aber den nötigen Mumm, um euch hinab in diese Düsternis zu wagen, um zu erfahren, wie euch die Göttin wohl gesonnen sein mag? Ja, im Angesichts des Todes sind wir kein bisschen mehr wert als ein Wurm. Der Tod macht da keinen Unterschied, deswegen sollte man sich also selbst nicht zu wichtig nehmen, nur mal so am Rande bemerkt. Der schwarze Metal von Ysbryd, Nebelgrund und Helsang wird euch definitiv dahingehend wachrütteln und zum Nachdenken anregen. Man sollte also nicht lange überlegen, und sich die auf 100 Stück limitierte CD direkt sichern.

Das einzige, was ich an dieser Underground-Veröffentlichung zu bemängeln habe, das ist die etwas schusselige Haptik und Optik des physikalischen Tonträgers. Billiges Jewelcase, grobpixelige Fotoauflösung, zwei unterschiedliche Papierarten, das ist fürwahr nicht stimmig und wird der tollen Musik, welche, wenn ich etwas genauer nachdenke, schon wie ein Konzeptalbum aufgebaut ist, nicht gerecht. Da geht in Zukunft mehr! Auch in Bezug auf die Soundqualität, wobei mich das Undergroundige zu keinem Zeitpunkt stört. Doch apropos Konzept: Ysbryd beleuchtet hier das irdische Dasein, Nebelgrund den von fast allen gefürchteten Zeitpunkt des Todes, während Helsang die Ankunft in der möglichen Realität nach dem Tod übernimmt. Das ist sehr stimmig!