Yylva – The Wood Beyond the World

Yylva - The Wood Beyond the World

Die Männerdomäne Black Metal wird in letzter Zeit immer weiter geöffnet, was aber sicher nicht aus der Label-Szene selbst heraus erfolgt. Projekte mit Frauen an der vordersten Front bleiben eher rar, gerade wenn der Ansatz der Musik eher melancholisch, atmosphärisch erfolgt, als roh und brutal. Klar, wenn eine Frau auf Mann macht (Darkened Nocturn Slaughtercult, anyone?), kann man das als Mann ja auch hören. Immerhin ist die Alte ja richtig schön Black Metal und macht da ja nichts wirklich Eigenes draus, oder verändert gar die übliche Formel. Ja, Gott sei Dank, Tellerrand, über dich muss ich nicht drüber blicken. Ja, mit all der Polemik kann man schon gut vielen vor den Kopf stoßen. Das schafft aber eine einzelne Frau, die es wagt Black Metal zu spielen, dabei auch noch irgendwie ein relativ bekanntes, öffentliches Leben zu besitzen und sofort mit Vorwürfen wie Ausverkauf und „Untrue“ beworfen zu werden, auch ohne einen Satz zu sagen. Dass eine Amalie Bruun mit Myrkur wahrscheinlich innovativere und spannendere (nicht immer bessere!) Musik erschafft als gefühlte 80 % der Männermetalwelt, liegt ja nicht am hübschen Äußeren. Aber genau darauf wird die Dame reduziert. Allein der Umstand, dass ich es hier wieder erwähnen muss, ist eigentlich absolut unnötig.

So lassen sich in letzter Zeit gerade über Bandcamp mehr und mehr Projekte finden, deren Köpfe Frauen sind, welche aber auch noch mit den üblichen Black-Metal-Gebaren aufräumen und sich und ihre Musik auch wirklich weiblich darstellen. Aus Finnland aktuell ja die hervorragende Platte „Kätkyt“ von Vermilia oder ein (noch) unbekannteres Projekt namens Vesperith, wovon ich mir Großes erhoffe, denn immerhin ist die erste EP „Esoteros“ der Dame ein Traum atmosphärischen Black Metals geworden.

Aus Cheltenham in England stammt Yylva, das Solo-Projekt von Clare Webster, welche bereits mit der englischen Gothic/Doom-Band Edenfall Aufmerksamkeit erregen konnte. Clare ist für das vollständige Songwriting zuständig, was recht spannend ist, denn ihr Hauptinstrument bei Yylva ist weder Gitarre noch Keyboard, sondern die Harfe. Daneben steht ebenbürtig ihre hervorragende Stimme, welche eben nicht zu elfenhaft dahin trällert, sondern sehr kraftvoll das Songmaterial veredelt. Harfe, Glockenkeys und melodische Gitarrenleads lassen eine märchenhafte, gotisch angehauchte Atmosphäre entstehen, die bisweilen einen leichten Hauch von Cradle of Filth zu Sarah-Jezebel-Deva-Zeiten versprüht. Der kompetent programmierte Stromtrommler ist dabei nicht weiter störend, der Keifgesang wird dezent eingesetzt, so dass viel Raum für Clares klare Stimme bleibt. Gerade die tollen Harfenmomente, die allein mit Clares Stimme untermalt sind, lassen Gänsehaut entstehen. „Nepenthe“ ist so ein Stück, welches insgesamt aber näher an den (guten) alten Zeiten von Tristania dran ist als an reinem Black Metal. Von dem Gedanken sollte man sich verabschieden, dennoch ist die Atmosphäre düster und dicht, und schwarzmetallische Elemente blitzen bisweilen markant auf. One Woman Shows wie das Harfenstück „Waterwings“ ziehen einen magisch in seinen Bann – ich glaube das Stück mit der Präsenz von Clare live zu erleben, dürfte für große Momente sorgen.

Stellenweise muss man etwas Kitsch abkönnen. Manche Glockensounds sind dann etwas zu nah am Disney-Format, zum Glück folgen auf solche Abschnitte meist wieder härtere Teile, gerade „Tears of Awakening“ skippe ich da gerne weg. Das darauf folgende „Aurorae“ ist da wesentlich punktueller, ja richtig gehend gegensätzlich, dank der alten Beauty-and-the-Beast-Formel Klar- und Keifgesang zu mischen. Auch hier bin ich gefühlt wesentlich näher an Tristania dran als an Darkthrone. Harfe und Gesang machen Yylva jedoch so eigenständig, dass es grundsätzlich eher schwierig ist wirkliche Vergleiche zu ziehen.

Letztendlich ist Yylva ein interessantes, gut produziertes und geschriebenes Album gelungen, welches sicherlich viele Anhänger finden wird. Die Trueheimer werden es verteufeln, haha… Wer offen ist und mit Klargesang und Gothic-Atmosphäre etwas anfangen kann, darf „The Wood Beyond the World“ auf alle Fälle antesten.