Stellarvore – Tehom

Stellarvore - Tehom

Manche Dinge bedürfen eigentlich keiner weiteren Erklärung: Metal geht mit Lovecraft eine ebenso hervorragende Symbiose wie mit Tolkien ein – mit ersterem insbesondere in den härteren, lichtlosen Stilrichtungen. So ist es kaum verwunderlich, dass ein weiterer Act sein Glück auf der weiten Bühne der düsteren Metal-Spielarten versucht, um mit den dämonischen Welten des amerikanischen Ausnahmetalents und Autors anspruchsvoller Horrorliteratur in Kontakt zu treten. Stellarvore aus Aachen präsentierten bereits 2016 ihr Demo-Debüt „Tehom“, das sich ganz einer schaurig-okkulten Atmosphäre verschreibt. Im Nachhinein ist es schade, dass mir die Scheibe im weißen Gewand eines schlicht gestalteten Digipaks erst jetzt in die Hände gefallen ist. Doch besser spät, als nie.

„Tehom“, ein hebräischer Begriff aus der Bibel, der scheinbar irgendwie mit dem mythischen Konzept eines Ur- bzw. Schöpfungsmeeres verknüpft ist (ich muss gestehen, dass meine Recherche in diese Richtung nicht sonderlich tiefgehend war – Justus Jonas würde sich meiner schämen), ist also der Titel dieses Erstlings, der sich anschickt, seine bleibenden Spuren in der Welt der durch Lovecraft inspirierten Musik zu hinterlassen. Ich muss zugeben, das Intro des Albums beginnt atmosphärisch wie ein hervorragendes Gruselkabinett-Hörspiel und erzeugt gleich die richtige Gänsehaut-Stimmung. Irgendetwas, geweckt von den beiden Bandmitgliedern Demiurg und Koshmar, kriecht aus den unergründlichen Tiefen einer endlosen Finsternis und wird mit kreischenden Gitarren und einem erlösenden Urschrei in unsere Welt geboren. „Fire and Brimstone“ macht anschließend nicht nur klar, auf was wir uns hier musikalisch eigentlich eingelassen haben, sondern auch keine halben Sachen. Ein paar Kellen Black Metal der alten Schule gemischt mit einer Prise exakt abgestimmter Melodien und verborgenen (Vielleicht vorgelesenen? Leider kenne ich Lovecraft nicht sonderlich gut im englischen Original) Sprechpassagen und voilà: Wir erhalten ein kurzweiliges Album, das weder zu oberflächlich ist, aber auch nicht zu sehr in die Tiefe geht. Ich würde sogar sagen, dass insbesondere „Fire and Brimstone“ und sein Nachfolger „Abyssic Rapture“ eine ganze Menge Ohrwurmfaktor haben. Insgesamt macht „Tehom“ verdammt viel Spaß, trotz uralter Dämonen, Verzweiflung, Finsternis und Wahnsinn.

Klangstarke „Sternenverschlinger“

Klar ist aber auch, dass Stellarvores Debüt kein einzigartiges Ausnahmewerk ist. Das solide und klangstark produzierte Werk macht aber deutlich, dass diese Zweiertruppe noch viel vorhat. Dabei ist Stellarvore nicht die einzige Band, in der sich Demiurg und Koshmar engagieren. Koshmar leiht auch der ebenfalls aus Aachen stammenden Black-Metal-Kapelle Ius Talionis seine krächzende Stimme, während Demiurg sich dort am Schlagzeug austoben darf. Ihr Duo-Projekt Stellarvore hat sich derweil weitergedreht und präsentiert mir mit „Epiclesis of the Ancient Ones“ ein weiteres und im wahrsten Sinne des Wortes starkes Stück. Gespickt mit ausgewogenen Melodien und einer erstaunlich sanftmütigen Einleitung. „Sons of the Morning Star“, das letzte „echte“ Stück des Albums, versucht es wieder mit der Lovecraft eigenen düster-schleimig-mysteriösen Atmosphäre und – davon gehe ich einfach mal aus – einem Zitat aus dem Werk des Meisters. Anschließend explodiert auch dieser Song in einem schwarzen Gewitter, das auf die gleiche Balance zwischen aggressiver Härte und feinperligen Gitarrenmelodien setzt. Mit dem Outro, einem sanften Geklimper auf den Saiten einer einsamen Gitarre, endet „Tehom“. Ein Album, das ich so gar nicht auf dem Schirm hatte und das, rein optisch betrachtet, auch kein großes Interesse bei mir weckte. Dafür weiß es inhaltlich weit mehr zu überzeugen und hinterlässt definitiv einen bleibenden Eindruck. Ob sich Stellarvore – die ihren Bandnamen als „Verschlinger der Sterne“ übersetzen – auch weiterhin auf den Pfaden von Lovecraft bewegen werden? Das spielt eigentlich keine Rolle. Die Musik von Demiurg und Koshmar würde auch andere Themen stimmungsvoll behandeln können. Es bleibt abzuwarten, was da in Zukunft aus Aachen bzw. den lichtlosen Tiefen des unergründliche Weltalls zu uns herüberschwappt.