Zornestrieb – Schattenwelt

Zornestrieb - Schattenwelt

Wer musikalisch gerne in diverse Schattenwelten abtaucht, der kann mit der aktuellen EP des thüringischen Zornestriebs für knapp über achtzehn Minuten in so eine Entität eintreten. Die mir aus unbekannten Gründen mittlerweile zu einem Soloprojekt degradierte Band macht sich zwar relativ rar, aber ich bin dennoch froh, dass es noch recht viele solcher kleineren Bands gibt, die zwar nicht viel, dafür aber qualitativ hochwertigen Underground-Metal veröffentlichen, oftmals sogar ein wenig besseren als von so manch bekannteren, sich aufplusternden Bands. Das hier vorliegende, aus nur drei Songs bestehende Material wurde bereits Im Jahre 2010 aufgenommen, also kurz nach dem Erscheinen des Demos „Kalter Zeiten Ewigkeit“ und als noch Deimos (Schlagzeug) und Gorthaur (Bass) mit von der Partie waren, doch erst Ende März 2018 über Surtur (Gitarren, Gesang), den letzten Fackelträger dieser Band, veröffentlicht. Wahrscheinlich lag die Band solange auf Eis. Ich will mir aber weiter keinen Kopf über das Weshalb und Warum machen, sondern lasse mich gern in die vielversprechende Düsternis von „Schattenwelt“ entführen.

Mit „Tagtraum“ beginnt der schwarzmetallische Trip zumindest vom Titel her nicht ganz so düster. Doch der schnelle Sound, voll melodischer, sich in dichter Nachtatmosphäre windender Dynamik, geht gleich richtig dröhnend und schwer surrend ans Eingemachte. Man fühlt sich auf einem dunklen Pfad abgesetzt und muss sich nun alleine der jäh anbrechenden Dunkelheit stellen. Da in dem nur aus Grautönen bestehenden, aufklappbaren 4-Panel-Digipak leider gar keine Lyrics abgedruckt sind, kann man sich hier nur auf seinen Instinkt verlassen, und dieser projiziert einem einen Hauch von Unruhe und Ungewissheit ins Hirn. Die dahinfließende, häufig aus der nur scheinbar vorhandenen klaren Linie ausbrechende Musik lässt einem wirklich kaum Raum und Zeit zum Verschnaufen. Der zweite Song „Vollkommenheit“ fängt beispielsweise recht dissonant und unstrukturiert an, in der Tat so, als ob man praktisch die Vollkommenheit der Dunkelheit heraufbeschwören möchte. Doch vielleicht spiegelt sich hier auch die vollkommene Unvollkommenheit des Menschen wider, der es verlernt hat im Einklang mit der Natur, mit der Dunkelheit zu atmen. Alles nur Mutmaßungen, aber wahrscheinlich steckt da doch mehr Wahrheit drin, als man rational denkend anzunehmen gewillt ist. Das Gefühl trügt schließlich nie, oder doch? Im finalen und längsten Titeltrack wird die bis dahin gemachte Erfahrung noch einmal intensiviert und mit den schönsten Gitarrenakkorden auf die Spitze getrieben. Gerade zum Schluss, in den letzten beiden Minuten wird es dermaßen atmosphärisch, dass man die Schattenwelt nicht mehr verlassen möchte. Aber dann scheint wieder die Sonne…

„Schattenwelt“ (und auch die erste EP von Zornestrieb) ist eine Empfehlung für all die Geister, die es bevorzugt absolut stockfinster im Player haben. Als eine leichte Orientierungshilfe könnte man evtl. den unterirdisch lichtlosen Bergbau-Metal von Dauþuz hier aufführen. Wer diesen liebt, der wird auch hier glücklich werden!